Erbe trotz unauffindbarem Testament?

Folgender Sachverhalt:

I.

Ein Mann verstarb. Er war verwitwet und hatte keine Abkömmlinge. Seine Eltern waren bereits vor ihm verstorben. Er hatte 3 Geschwister, A., B., und C.  Seine verstorbene Ehefrau hatte eine Tochter D.

II.

A., B., und C. beantragten aufgrund gesetzlicher Erbfolge beim Nachlassgericht einen Erbschein, der sie als Erben zu je 1/3 ausweist. D. trat dem nicht entgegen. Das Nachlassgericht hat daraufhin den Erbschein für A., B., und C. wie beantragt, erlassen.

III.

D. wusste, dass der verstorbene Mann ein handschriftliches Testament gemacht hatte, in dem er sie als seine Alleinerbin einsetzte. Dieses Testament war in einem Kuvert, welches sich in einer Küchenschublade befand. Nach dem Tod des Mannes war das Testament plötzlich verschwunden. Nur das leere Kuvert lag noch in der Schublade. D. war nun der Meinung, ohne das Testament habe sie keine Chance, müsse sich damit abfinden und könne auch nichts gegen den von A., B., und C.  beantragten Erbscheines unternehmen.

Nachdem der Erbschein für A., B., und C. erlassen war, wandte sich D.  aber doch an einen Rechtsanwalt, der sie über die Rechtslage aufklärte. Mit Schriftsatz an das Nachlassgericht beantragte er, D. einen Erbschein auszustellen, der sie als Alleinerbin ausweist, sowie den Erbschein betreffend A., B., und C. einzuziehen. Als Begründung führte er aus, dass der verstorbene Mann ein handschriftliches Testament errichtet habe, in welchem er D. als seine Alleinerbin eingesetzt habe. Dieses Testament habe er in einer Küchenschublade abgelegt. Dort habe D., nach dem Tod des Erblassers, auch den entsprechenden Umschlag vorgefunden, in dem sich das Testament befand, doch der Umschlag sei leer gewesen. Wegen der Umstände der Testamentserrichtung berief sich D. auf das Zeugnis von zwei ihrer Freundinnen sowie ihres Lebensgefährten, die alle bei der Errichtung des Testaments anwesend gewesen seien.

Das Nachlassgericht hat die beiden Freundinnen und den Lebensgefährten gehört und nach den getroffenen Feststellungen per Beschluss entschieden, dass D. ein Erbschein erteilt wird, der sie als Alleinerbin ausweist. Gleichzeitig entschied das Gericht, dass der Erbschein betreffend A., B., und C. eingezogen wird.

IV.

A., B., und C. haben dagegen Beschwerde eingelegt, aber das Nachlassgericht hat den Beschwerden nicht abgeholfen und die Sache dem Oberlandesgericht Köln zur Entscheidung vorgelegt.

V.

Das Oberlandesgericht Köln entschied mit Beschluss vom 19.07.2018 ebenfalls, dass das Nachlassgericht zu Recht gehandelt hat und führt in seiner Begründung u.a. aus:

  • Ein nicht mehr vorhandenes Testament ist nicht allein wegen seiner Unauffindbarkeit ungültig. Vielmehr können Form und Inhalt mit allen zulässigen Beweismitteln festgestellt werden.
  • Es besteht im Fall der Unauffindbarkeit eines Testaments insbesondere auch keine Vermutung dafür, dass es vom Erblasser vernichtet worden und deshalb gemäß § 2255 BGB als widerrufen anzusehen ist

 

Zusammenfassung:

Wenn man von der Existenz eines Testaments Kenntnis hat, dieses Schriftstück aber nach dem Tod des Testierenden plötzlich verschwunden ist, kann diesem letzten Willen des Testierenden dennoch Geltung verschafft werden, wenn entsprechende Beweismittel zur Verfügung stehen.

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